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Oh Du Schreckliche…

9. Dezember 2017

Das Jahr neigt sich dem Ende zu, alle Welt blickt zurück und resümiert. Da bin ich keine Ausnahme. Dieses Jahr möchte ich meine schrecklichste und zugleich schönste Erfahrung am Berg im Jahr 2017 kund tun.

 Es begab sich also im Jahre 2017 des Herrn…ähm Blödsinn, ich erzähl das lieber in meinen eigenen Worten, die Erinnerung ist noch nicht so verblasst.

Eigentlich hatte ich für den zurückliegenden Sommer geplant 2 Monate auf einer Hütte zu verbringen. Nach zwei kräftezehrenden Jahren stand ein beruflicher Wechsel an und auch privat wollte ich einfach mal raus. Die Steinseehütte sollte es werden und ich freute mich bereits riesig auf dieses Abenteuer, auch wenn ich schon auch ein mulmiges Gefühl verspürte beim Gedanken daran für längere Zeit einfach mal auszusteigen.
Naja, das Leben, dieser alte Wirbelwind, meinte es mal wieder anders mit mir und aus meinem schönen Plan wurde nichts. Trotzdem wollte ich die Hütte unbedingt besuchen und so startete ich gemeinsam mit einer handvoll guten Freunden Ende August in Richtung Steinseehütte, wo wir ein Wochenenende verbringen wollten.
First things first: wer noch nicht dort war, ab dafür…die Steinseehütte in den Lechtaler Alpen ist echt toll und die beiden Hüttenwirte auch super nett. Die Gegend eignet sich sehr zum klettern und für Klettersteigtouren,  in unmittelbarer Nähe findet man auch das Württemberger Haus, die Hanauer Hütte und die Muttekopfhütte.
Nun aber zu dem eigentlichen Ereignis: oberhalb der auf 2061 m liegenden Hütte befindet sich ein Klettersteig, der auf die 2650 m hohe Steinkarspitze hinauf führt. Es ist kein besonders schwerer Klettersteig, an der Schlüsselstelle  jedoch B/C.
Dieser Klettersteig war mein zweiter überhaupt und ich hatte Bock. Dummerweise waren die Schlüsselstellen für mich aber wirklich ne richtig harte Nuss.
Zur Erklärung: ich leide unter Höhenangst…jawohl, das ist nicht ganz so toll, wenn man die Berge so liebt wie ich, aber mei, es hilft halt auch nichts, von so einer Höhenangst lasse ich mich sicher nicht daran hindern trotzdem meiner Leidenschaft nachzugehen.
Es verkompliziert es manchmal aber, da ich noch dazu ein ziemlicher Sturkopf bin.
Jedenfalls waren wir schon die Hälfte des Steiges hochgekraxelt und es lief auch relativ gut…wenn man davon absieht, dass ich gefühlt den Fels mit all meinen Körperteilen abschrappte…nun ja, nun ja.
Als es an die Schlüsselstelle ging, dreivon uns schon durch, ich am der Reihe und eine Freundin noch hinter mir, legte sich in meinem Hirn ein Schalter um. Wer irgendeine Form von Angst in stärkerer Form hat, der kennt das Gefühl wahrscheinlich, wer nicht, die folgende Erklärung:
Es beginnt mit einem Kribbeln im Bauch, was sich auf dem restlichen Körper ausbreitet. Zeitgleich bumpert das Herz immer stärker. Das Blut beginnt zu rauschen, was zumindest ich daran merke, dass eine kleine Ader an meiner Schläfe hervortritt. Dann beginnt die Kopfhaut zu kribbeln und spätestens jetzt wird klare Denken schwierig. Der Atem geht schneller und der Körper ist insgesamt auf Flucht fokussiert.
Tja, herzlichen Glückwunsch: Dein Körper will flüchten und Du hängst auf 2500 m Höhe an einem Drahtseil in einer Steilwand.
Tief durchatmen, versuchen diese Panik zu überwinden…geht natürlich nicht sofort. Das ist der Moment, an dem mir die Tränen in die Augen schossen. Eigentlich will ich das hier…eigentlich liebe ich das, warum macht mein Körper mir das Genießen  so schwer?!
Ich werde wütend. Gleichzeitig immer noch Panik und irgendwo auch Verzweiflung. All diese Emotionen natürlich innerhalb ca. 60 Sekunden, wenn überhaupt.
Jetzt ist der Punkt erreicht, wo ich den anderen sagen muss, dass nix mehr geht. Ich zittere, rufe nach oben und bin zutiefst enttäuscht von mir selbst. Oben wird ein Seil mobilisiert, man kennt mich und meine Angst ja und weiß, ich brauche jetzt das Gefühl von Sicherheit, dann geht es weiter…
Ich hingegen kann in diesem Moment nicht so weit denken, die Angst schnürt mir nämlich die Kehle zu und in Gedanken seh ich schon die Bergretter herabfliegen…ähm ja.
Neben mir landet das Seil. ich soll mich einbinden. Nichts leichter als das, ooooh ja, ich jubiliere…und dann versagen meine Finger. Knoten? Knoten. Scheisse, wie knote ich das beschissene Seil nochmal fest? Wie war das jetzt? Ich versuche es einmal, zweimal, dreimal. Meine Finger zittern und ich fluche. Meine Knie wollen anscheinend meinen Fingern Gesellschaft leisten und fangen auch an zu zittern. Großes Kino meiner Glieder, ich flippe fast aus.
Dann ruft von unten eine Stimme: wirf das Seil runter, ich mach den Knoten und du klickst ihn dann nur in den Karabiner.
Gesagt, getan. Meine Rettung.
Kaum bin ich doppelt gesichert, kann ich auch weiter. Ehrlicherweise etwas arg holprig zunächst, aber dann geht es.
Nach gefühlt einer Ewigkeit kommen wir oben an, ich sichere mich erstmal am Gipfelkreuz, weil ich meinen wackeligen Beinen noch nicht so ganz traue.
Dann: durchatmen. Ein Gipfelschnaps. Durchatmen.
Ich bin auf 2650 m Höhe. Der höchste Gipfel, den ich bisher erklommen habe. Was für ein Gefühl. Wieder Tränen, irgendwas stimmt mit meinen Augen ganz klar nicht. Nebenbei gibts was zu Essen, denn ich hab einen Bärenhunger!
Der Ausblick ist der Wahnsinn. Da kann man sich kaum satt sehen. Ich bin einfach nur glücklich und zufrieden.
Ein absolutes Wechselbad der Gefühle, aber letztlich alles gut gegangen. Ich  bin auch SO dankbar, dass ich es doch geschafft habe und den Mut hatte weiter zu machen. Außerdem dankbar für meine Freunde, die da oben mit mir sitzen, lachen und scherzen und gar nicht wissen, was mir ihre Hilfe bedeutet hat.
Dankbar für die Möglichkeit diese tolle Bergwelt sehen zu können und aus eigener Kraft diesen Gipfel erklommen zu haben.
Für viele Menschen ist das selbstverständlich, für mich ein riesiges Geschenk.
Das war also mein Bergmoment des Jahres 2017 – einerseits schrecklich, weil mein Kopf so „zumachte“, dass für 10 Minuten mal nichts mehr ging und andererseits wundervoll, weil es dann doch weiter ging und ich -mit der Hilfe meiner Freunde – diesen Gipfel erklimmen konnte.
(der Vollständigkeit halber: der Abstieg war noch etwas abenteuerlich, da ein Gewitter aufzog und wir natürlich in den Drahtseilen hingen…es ging aber gerade nochmal gut und kurz nachdem wir an der Hütte ankamen, stürmte es dann sehr ordentlich.)

Dieser Artikel ist Teil vom Outdoor Blogger Adventskalender 2017. Im vierten Jahr erzählen zwei Dutzend Outdoor-Blogger Weihnachtliches & Winterliches. Oder einfach nur Wunderbares & Berichtenswertes von draußen. Dies war Türchen Nummer 9. Gestern schrieb Nadine auf KulturNatur. Morgen geht es bei Charis auf Blog Wohlgeraten weiter.   Wer die restlichen Artikel auch noch lesen mag, der findet sie hier https://www.aufundab.eu/artikel/outdooradvent17-grosse-outdoorblogger-adventskalender-2017 

PS. …und die Moral von der Geschicht‘: traut euch! Wer noch nicht überzeugt ist, anbei noch ein paar hübsche Bilder.

 

 

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5 Comments

  • Reply Eis-Zeit | KulturNatur 10. Dezember 2017 at 9:03

    […] war Türchen Nummer 8. Gestern schrieb Dennis auf Big Van Theory. Morgen geht es bei Nadine auf Das ist doch Wahnsinn […]

  • Reply Gipfelfieber 14. Dezember 2017 at 7:42

    Huiuiui, sehr ehrliche Worte. Vor Jahren hatte ich auch noch Höhenangst. Heute ist davon nur eine winzige Spur geblieben und selbst steile Gratpassagen machen mir gar nichts mehr aus.

    • Reply Nadine 14. Dezember 2017 at 9:43

      jaa, man sagt doch ehrlich währt am längsten oder so ;)…
      hach, davon träum ich ja, dass die Höhenangst sich verflüchtigt. Das gibt mir Hoffnung!Ist bei mir auch durchaus tagesformabhängig und oftmals auch unberechenbar. Vor kurzem war ich zum Laufen in den Bergen und bin da direkt an nem Abgrund langgeflitzt, fast ne halbe Stunde lang und ich hatte nicht einen Moment Angst.Wahrscheinlich war ich so schnell, dass der Kopf keine Zeit hatte dicht zu machen :D!

  • Reply Vom Moment, in dem es fast vorbei war bis zum schönsten Weihnachten 24. Dezember 2017 at 10:12

    […] dasistdochwahnsinn.com […]

  • Reply Die schönsten Hütten in den Alpen für den Winter - Reiseblog & Fotoblog Phototravellers 17. Mai 2018 at 17:34

    […] & Berichtenswertes von draußen. Dies war Türchen Nummer 10. Gestern schrieb Nadine auf Dasistdochwahnsinn. Morgen geht es bei Jens auf Hiking-Blog und bei Heike auf Expedition Leben weiter. Außerdem gab […]

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