Allgemein, Motivation

Laufen ist ein Geschenk

5. April 2017

Es ist ruhig hier geworden, dabei gibt es einiges zu erzählen. In den letzten Monaten war ich z.B. auf der ISPO und habe dort viel Neues entdeckt und schöne Moment gehabt. Im März ging es an den Gardasee zum Lesercamp des Trail Magazins – eine für mich ganz neue Erfahrung – und auch dazu kommt definitiv noch ein Bericht, aber irgendwie wollen die Worte derzeit nicht aus mir raus.

Ein Thema beschäftigt mich aber schon seit Wochen und Monaten und es ist Zeit mal darüber zu schreiben:

Wir alle, die wir uns Läufer nennen, haben eines gemeinsam: wir laufen. Der Eine schnell, der Andere langsam, bei Einem heißt laufen einen Marathon zu finishen, ein Anderer freut sich über das Knacken der 5- Kilometer-Marke. Was uns alle dabei eint: wir können laufen.

Klar, können wir laufen..hey, sogar richtig gut und richtig viel! Wie häufig hört oder liest man Dinge wie: 20 km in so und so viel Minuten. Gar kein Problem. Klar, das geht auch dreimal die Woche…heute wieder das übliche Programm abgespult: bin im Training, es läuft bei mir. Easy peasy.

Halt. Stopp. Das ist nicht easy peasy. Ja gut, subjektiv vielleicht schon bei manchen, aber darum geht’s mir grad nicht. Rein objektiv ist das nicht easy peasy. Es ist auch keine Selbstverständlichkeit, auch wenn es sich für einen Läufer häufig so anfühlt. Das ist gottverdammter Luxus.

Wir sind ziemlich verwöhnt. Jawohl, richtig gehört: verwöhnt.

Wir sind verwöhnt, weil wir alle, die wir regelmäßig laufen das Laufen als eine Art Selbstverständlichkeit betrachten. Es gehört für uns fast schon wie das Atmen einfach dazu. Ich find das geil, keine Frage, denn ich liebe es zu laufen. Aber Laufen ist für mich ein Geschenk. Ich bin mir sehr wohl bewusst, dass diese Selbstverständlichkeit Luxus ist.

Als Kind, da bin ich gelaufen und gelaufen und war sogar genervt, wenn ich mal meinen laufbegeisterten Vater bei seinen Trainingsläufen für einen Halbmarathon begleiten sollte. Laufen ging einfach so und ohne jedwede Anstrengung. Easy peasy. Ich soll laufen? Bääääh, na gut, wenn’s sein muss, dann lauf ich halt, aber bei Kilometer 10 ist schluss, denn so war das abgemacht. Keinen Schritt weiter. Mein Vater erzählt mir das heute noch, wie er mich ein wenig ausgetrickst hat nur um zu sehen, dass das werte Tochterkind sehr wohl mehr als 10 Kilometer laufen kann, es wollte halt nur nicht.

Das ist aber lange her und lange Zeit  war das Laufen für mich eher verhasst bzw. nicht existent in meinem Leben.

Heute freue ich mich über jeden Kilometer, den ich am Stück laufen kann. Am Anfang meiner Läuferkarriere vor 1,5 Jahren schaffte ich es nicht mal 200 Meter am Stück zu laufen ohne außer Puste zu sein. Da war es ein K(r)ampf. Es kostete viel Kraft und Überwindung und ja auch die ein oder andere Träne floss. Trotzdem wollte ich es. Ich wollte laufen. Weil ich natürlich nicht wie jeder andere Mensch erstmal anfange zu laufen und dann entsprechend meinem Leistungsstand Ziele formuliere, hieß das für mich direkt: Halbmarathon ist das Ziel – e basta! In retrospektive kann ich nicht sagen wieso. Manchmal sind die Dinge einfach so wie sie sind und eine fixe Idee ist nicht automatisch schlecht. Auch wenn diese fixe Idee schon etwas irre war:

21,1 Kilometer. Hälfte eines Marathons. 21,1 Kilometer.. Am Stück. 21.100 Meter. Laufend. (nur um die Wahnwitzigkeit noch einmal klarzustellen..)

Ich hatte zu diesem Zeitpunkt nicht mal ansatzweise eine Vorstellung davon, was das bedeuten würde. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb wollte ich es aber unbedingt. Laufen…einfach so..laufen um zu laufen über Distanz von 21,1 Kilometer (ja, ich höre jetzt damit auf).

Mir formt sich beim Schreiben dieser Worte gerade ein riesiger Kloß im Hals und die Tränendrüsen scheinen eine Art Überfunktion zu entwickeln, zudem haben die Augen eine Undichtigkeit. Ich kann aber nicht anders. Dass ich laufe ist für mich ein Wunder. Ich habe noch 2012 über 100 KG auf die Waage gebracht und jetzt laufe ich. Mit Leidenschaft und trotz manch einer Widrigkeit. Laufe gerne, lange, immer wieder und ohne dass es mir überdrüssig wird. Selbst wenn es mal nicht rund läuft (und ja, seien wir hier ganz ehrlich, es läuft halt auch nicht immer rund, ne? Egal wie sehr wir das Laufen glorifizieren – da nehm ich mich nicht aus – es ist nicht immer locker flockig auf rosa Wölkchen trippeln, manchmal ist es auch schwer schnaufend und mit Beinen so schwer wie Blei nach 5 Kilometern Gott und die Welt verfluchen..), so läufts doch irgendwie.

Mittlerweile bin ich den Halbmarathon gelaufen. Zusätzlich habe ich den Karwendelmarsch mit 52 km erfolgreich absolviert und dieses Jahr stehen noch so einige Wettkämpfe in meinem Kalender. Das ist mittlerweile der Normalzustand. Ich kann es mir nicht mehr anders vorstellen. Es war ein steiniger Weg mit so einigen Momenten, in denen ich das Laufen verflucht habe, mich selbst auch. Tränen der Enttäuschung oder der Wut. Asthmaanfälle (ich bin Asthmatikerin), weil mein Kopf mal wieder durch die Wand wollte, mein Körper hingegen nicht. Verletzungen, weil der Kopf mehr wollte als der Körper in der Lage war zu leisten. Frustration und Gemeckere.

Was aber vor allem in dieser Zeit noch so alles dabei war: Glücksmomente, Freudentränen, Lachanfälle, Erfolgserlebnisse, tolle Freundschaften, super Menschen, tiefes Einatmen, tiefes Ausatmen, grenzdebil grinsend durch die Gegend laufen. Ich kann mich ganz genau daran erinnern, wie ich mich gefühlt habe, als ich das erste Mal 10 Kilometer am Stück gelaufen bin. Als die Zahl auf meiner Laufuhr von 9,9 auf 10,0 umsprang. Wie ich einfach stehenblieb und jubelte, mitten im Wald. Weil ich 10 Kilometer am Stück gelaufen war. Einfach so. Gelaufen.

Oder wie es sich anfühlte, als die Ziellinie des Karwendelmarsches immer näherkam. Die Tränen, die damals einfach über meine Wangen kullerten, weil das Ziel in greifbarer Nähe war. Weil mein Körper so unfassbares geleistet hatte, einfach, weil ich immer noch einen Fuß vor den anderen setzen konnte, immer wieder, beharrlich, ohne Unterlass.

Das passiert mir auch einfach so beim Laufen immer mal wieder. Meistens nach 30-40 Minuten des Laufens. Diese erste halbe Stunde ist nämlich oftmals zäh bei mir. Da hab ich den Groove noch nicht gefunden und mein Rhythmus gleicht eher dem einer humpelnden Schildkröte auf Speed. Die Atmung ist noch nicht wirklich gleichmäßig und hier und da droht auch ein Seitenstechen. Dann aber..eben fast immer zwischen Minute 30 und 40 wird alles auf einmal einfach. Es läuft. Von alleine quasi und mein Körper entspannt. Trotz Anstrengung bin ich dann meist tiefenentspannt. In einer Art Trance. Da gibt es nicht mehr viel nachzudenken. Da hat der Kopf auch Pause. Einfach total im Zenzustand ist man dann. Wenn mir das in dieser Phase bewusst wird, dann werd ich fast immer rührselig. Dankbar, dass das einfach so geht und glücklich. Einfach nur unfassbar glücklich, dass es so ist.

Während ich das hier zu Papier zu versuchen bringe, werde ich schon wieder gefühlsduselig, weil ich gar nicht in Worte fassen kann, wie sehr ich mich darüber freue ein Teil dieser Gemeinschaft von Läufern zu sein. Dankbarkeit ist das vorherrschende Gefühl. Dankbarkeit und Freude. Ich bin unendlich dankbar, dass mein Körper in der Lage ist mich laufen zu lassen. Dass ich einen Fuß vor den anderen setzen kann. Immer wieder. Schritt für Schritt. Dass ich dabei merke, wie all meine Muskeln und Sehnen ganz automatisch zusammenarbeiten und mir das ermöglichen. Wie meine Atmung sich irgendwann einpendelt, passend zu meiner Schrittabfolge. Dass das alles einfach so funktioniert. EINFACH SO.

Ist euch das eigentlich bewusst? Was für ein unglaubliches Wunder das ist?

Wir steuern da nichts bewusst. Es läuft einfach. Wir laufen einfach. Ich weiß, ich wiederhole mich und es klingt langsam ein wenig wahnsinnig, aber es ist ein Wunder. Es gibt Menschen, die können das nicht. Sie würden vielleicht wollen, aber es geht einfach nicht. Ihre Körper können ihnen diese Möglichkeit nicht bieten. Wir sind solche Glückspilze, dass wir können und dann auch noch wollen. Jeder Einzelne von uns. Egal was unsere Ziele oder unsere Zeiten sind. Alle haben wir gemeinsam, dass wir laufen können und das ist ein riesiges Geschenk.

Das Laufen hat mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt und den Weg bereitet für all die anderen sportlichen Aktivitäten, die ich mittlerweile so ausübe. Sei es  Klettern, Yoga, Bouldern oder Wandern. All das ist erst durch das Laufen überhaupt in mein Blickfeld gerückt und ich werde nie im Leben müde werden dankbar zu sein. Das ist einfach der Wahnsinn.

Nadine beim Laufen
Was ist das Laufen für euch? Nehmt euch ruhig mal eine Minute und denkt drüber nach und seid dankbar und schreibt gern in die Kommentare wie ihr das so seht!

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