Body & Soul, Training

Ich kann und ich will.

23. Juni 2017

Ich kann und ich will – aber was will ich eigentlich?

Heutzutage schreit ja jeder direkt „yes, i can“ – nix gegen dich, Obama (erst Recht nicht zu Zeiten Trumps), aber ich frage mich manchmal, ob sich die Leute auch mal die Frage stellen, ob sie neben dem Können auch wirklich Wollen.

Bestes Beispiel ist für mich das Thema Laufen (oder generell das Thema Sport): Ja, ich kann laufen. Klar, kann ich das…können sogar ziemlich viele Menschen. Die Frage und meiner Meinung nach auch noch die alles entscheidende Frage ist aber, ob ich auch will.

Ich sehe gerade auf Social Media Accounts in letzter Zeit soviele Bestzeiten und Beiträge, in denen gepredigt wird, wie wichtig dieses Element oder jenes Element des Trainings sei. Nicht falsch verstehen, natürlich müssen so einige Menschen einen sehr strikten Trainingsplan befolgen, denn diese Menschen sind Leistungssportler. Die müssen Intervalle machen und Tempodauerläufe und langsame GA1-Läufe und was weiß ich nicht noch alles.

Ich hingegen..ich bin Hobbysportler. Ich laufe, weil ich Bock drauf habe zu laufen. Man trifft mich vorzugsweise in den Bergen hier um München herum an. Da staunen dann auch die meisten Wanderer nicht schlecht, wenn ich keuchend und schnaufend an ihnen vorbeischnecke. Ich bin ja schließlich auch nicht das Paradebild eines Trailrunners, nech? Die sehen für gewöhnlich etwas hagerer aus als ich und rumschnecken tun die zumindest nicht am Berg.

Man glaubt es kaum: ich tue das, weil es mir trotz der Anstrengung und auch der Qual (manchmal, vor allem bergauf) schlichtweg Spaß macht. Ich krieche unendlich langsam die Berge hoch und sause sie dann gern hinunter. Just for fun. Weil ich es kann und will.

Was ich aber nicht will ist an rigide Trainingspläne gebunden zu sein. Einheit 1,2 und 3 müssen genau in dieser Reihenfolge an den Tagen X, Y und Z absolviert werden um Zeit XX:YY:ZZ beim nächsten Wettkampf zu erreichen. Das mag für manche Leute in Ordnung gehen und diese Leute sollen das sehr gern machen, wenn sie das brauchen. Mir hingegen würde das nur den Spaß am Laufen rauben. Ich glaube ehrlicherweise nicht, dass Hobbysportler tatsächlich notwendigerweise nach einem rigiden Plan trainieren müssen – es sei denn sie wollen halt unbedingt eine für sich gesteckte Zielzeit erreichen. Es ist schon auch so, dass ich auch trainiere, klar. Ich muss zum Beispiel das Bergauf-Laufen trainieren, weil ich darin ziemlich schlecht bin und ich mich gern verbessern würde.

Dafür werde ich aber trotzdem nicht 3 Mal die Woche irgendwelche Einheiten abspulen. So ambitioniert betreibe ich das Ganze dann doch nicht. Ich erfreue mich daran die Fortschritte zu sehen, mir persönlich reicht das vollkommen aus.

Manch einem reicht das nicht, der quält sich dann schon 5 Mal die Woche den Berg hoch. Kann man machen. Was ich aber für falsch halte: Wenn man den Leuten schon ansieht, dass sie seit geraumer Zeit keinen Spaß mehr an der Sache haben. Dass ihnen das Laufen (oder welcher Sport auch immer) schon gar keine Freude mehr bereitet oder das vielleicht nie tat. Dann finde ich, sollte man so ehrlich zu sich sein, es sein zu lassen oder etwas kürzer zu treten.

Ich glaube nämlich, dass es das nicht wert ist und dass man sich zwangsläufig irgendwann entweder verletzt oder sogar mit dem Sport aufhört. Was bringt es mir ein Hobby auszuüben, welches mir keine Freude bereitet? Wo ist da der Mehrwert? Likes? Follower? Anerkennung der sogenannten Peer Gruppe?

Bullshit.

Gerade in unserer heutigen Zeit verbringen wir sehr viel Zeit am Arbeitsplatz. Die Freizeit, so würde ich meinen, sollte man dann mit etwas füllen, das einem tatsächlich etwas gibt, oder? Vielleicht bin ich naiv und einfach nicht „bissig“ oder ehrgeizig genug, aber wenn ich keine Lust habe zu laufen, dann tue ich das auch nicht. Ich rede hier nicht davon, dass jeder Mal eine Phase hat, wo nicht alles rosig ist und man sich denkt, ach scheiß doch drauf…das ist m.E. vollkommen normal und ein Zeichen dafür, dass wir keine Maschinen sind.

Bottom Line sollte aber sein, dass es einem größtenteils Spaß macht, etwas zurückgibt und die innerliche Rampensau zum Vorschein bringt.

Ich verfluche mich bei einem Berglauf mindestens einmal, eigentlich sogar viel öfter: „Warum tu ich mir das an? Warum hab ich mir kein Hobby wie Schachspielen ausgesucht oder Quilte nähen (okay, schlecht gewählte Beispiele…aber ihr wisst, was ich meine)? Ich bleib hier einfach auf der Stelle stehen, wander zur nächsten Hütte und genehmige mir ne Halbe“.

Ha, glaubt mir, diese Gedankengänge kommen schon recht häufig vor in meinem Kopf. Es gab aber bisher noch keine Gelegenheit, seitdem ich Läuferin bzw. respektive Trailläuferin (fühlt sich immer noch komisch an das zu schreiben…) bin, bei der ich mir nicht postwendend dachte: Verdammt nein, ich hab Bock mich hier zu quälen und da oben wartet ein Gipfel darauf erklommen und eine Aussicht darauf genossen zu werden. Wenn ich oben ankomme, dann will ich verschwitzt sein, außer Atem und dann stütze ich meine Hände auf meine Knie, atme mehrmals tief ein und aus, huste vielleicht kurz ne Runde und bin glücklich. Weil ich es kann und weil ich es will.

Für solche Erlebnisse mach ich das.

Aber nicht nur: auch für das Gefühl während des Laufens: wenn ich „meinen Tritt“ gefunden habe und ich merke wie alle Fasern meines Körpers zusammenarbeiten, um mich voranzubringen. Wenn die Atmung gleichmäßig wird, die Gedanken einfach so dahinplätschern und meine Muskeln kontrahieren, als ob sie eh nie was anderes machen wollen. Das zu spüren, oh ja, auch dafür mach ich das.

Genauso geht es mir übrigens beim Bouldern und Klettern. Ich bin wahrlich keine großartige Kletterin, aber es macht mir so einen unglaublichen Spaß. Zu merken, wie meine Muskeln in der Lage sind mich die Wände hinaufzubringen. An den Punkt zu kommen, wo meine Höhenangst anfängt reinzukicken, der Puls sich beschleunigt, das Adrenalin durch meine Venen fließt…ich aber weiß: ich hab das im Griff…und wenn ich es doch mal nicht im Griff habe, dann steht unten jemand am anderen Ende des Seils, dem ich vertraue mich im Griff zu haben. Auch da hab ich manchmal so das Gefühl, dass ich ein bisschen bekloppt bin, mich immer wieder in solche Situationen zu begeben, aber letztlich ist auch hier die Bottom Line: ich hab einen Heidenspaß dran, also weiter.

Bei meiner dritten, derzeit liebsten Sportart, dem Bergsteigen, geht es mir auch so. Ich liebe es in den Bergen unterwegs zu sein, die frische Luft einzuatmen, die Natur zu genießen, die Stille um mich herum. Manchmal ist es zwar extrem anstrengend den Berg zu bezwingen, vor allem, wenn es steil bergauf geht. Da rührt sich gern das Asthma und macht mich extrem kurzatmig. Ich japse, muss meinen Schritt verlangsamen und frage mich mitunter, wieso ich das gerade tue. Dann kommt aber eine relativ ebene Wegpassage, man geht um einen Felsvorsprung und hat auf einmal ein Wahnsinnspanorama vor sich: Berge, soweit das Auge reicht.

Blauer Himmel, vielleicht ein paar vereinzelte Cumulus-Wolken. Der Himmel auf Erden. Selbst wenn dann eine Kraxelpassage naht, bei der es neben einem steil bergab geht und man dadurch ins Schwitzen gerät. Ja selbst dann mag ich das, denn ich merke, wie all meine Sinne sich schärfen. Jeder noch so kleine Schritt wird mit Bedacht gewählt und genau überdacht. Ich spüre den Fels unter meinen Füßen, taste mich voran, bin dann durch die – meist nur für mich, weil Höhenangst – heikle Passage hindurch und könnte heulen vor Glück.

Bottom Line auch hier: Spaß.

Ich weiß, die obigen Schilderungen sind fast schon schnulzig und sehr sentimental, aber ich glaube genau das macht es aus. Mir geht das Herz auf, wenn ich an diese Aktivitäten denke und so soll das sein.  Wenn jemand anderes sich so fühlt, wenn er noch eine Zehntelsekunde schneller wird: okay, so be it! Hauptsache mit dem Herzen dabei und Spaß an der Sache.

Ich brauche das nicht wirklich..auch wenn ich mir manchmal wünsche z.B. bei einem Wettkampf auch vorne mitzulaufen…aber letztlich reicht mir das Erlebnis. Zu wissen, dass ich kann und dass ich das auch will. Das ist für mich genug.

Ich will was erleben – und das kann ich auch ;-).

 

Was treibt euch an? Spaß, Ehrgeiz? Beides?

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