Allgemein, Motivation, Verletzungen/Erkrankungen

Geht’s noch?! Bodyshaming

9. August 2016

Der Begriff ist relativ neu, das Phänomen nicht. Bodyshaming.

Zuletzt recht offen breit getreten im Fall eines Playmates, das in der Umkleide eines Fitnessstudios eine Sportlerin nackt fotografierte, die ihr zu dick war. Ganz ehrlich: Geht’s noch?!

Bodyshaming bedeutet  jemand anderen aufgrund von bestimmten Körpermerkmalen zu reduzieren, herabzuwürdigen. Dabei geht es nicht darum, welche Statur das Opfer hat. Eigentlich kann jeder Opfer von Spott und Hohn werden –  wie oft hat man schon gehört, dass „die Dünne da drüben Streichholzarme hat und besser mal ein Schnitzel essen sollte“? Oder es wird sich über die Hakennase eines Anderen lustig gemacht? Alles recht gute Beispiele fürs Bodyshaming.

Da ich selbst aber aus der Fraktion der Übergewichtigen komme, beschränke ich mich in diesem Artikel auf diesen Aspekt, unter anderem weil ich nur hierbei mitreden kann. Verletzend sind aber alle Formen von Bodyshaming!

Als dicker Mensch fühlt man sich eigentlich 24/7 als Zielscheibe.

Dicksein passt nicht in unser Schönheitsbild und wird offen missbilligt. Wenn ein Dicker einen Schokoriegel ist, wird er schief angeschaut, vollkommen egal, ob das vielleicht die erste und einzige Mahlzeit des Tages ist oder eben nicht. Niemand hinterfragt die Gründe, niemand will wissen, was den Menschen hinter dem Fett dazu gebracht hat, dick zu sein. Für (leider) die meisten Mitmenschen hat der dicke Mensch einfach versagt, hat nicht genug Disziplin und ist selbst schuld, muss also auch die Kommentare „abkönnen“.

Es gibt mannigfaltige Ursachen für Übergewicht, aber das soll hier auch gar nicht Thema sein. Eins ist jedenfalls klar: alles was nicht der Norm entspricht bietet Angriffsfläche und schwuppdiwupp hat man eine Zielscheibe auf dem Rücken kleben.

Ja, ich gebe zu, dass ich mich  beim Anblick von sehr dicken Menschen (aber auch bei sehr dünnen Menschen) frage wie es soweit kommen konnte. Aber niemals im Leben würde ich auf die Idee kommen sie zu beleidigen. Wenn man selbst mal dick war, dann weiß man, dass man selbst oft der härteste Kritiker ist und der Selbsthass einen schon in die Knie gezwungen hat, bevor irgendein Fremder auch nur ein einziges Wort sagen kann. Trotzdem tut es um ein Vielfaches mehr weh, wenn ein Fremder die eigenen Selbstzweifel bestätigt und alle Argumente, die man sich fortwährend an den Kopf wirft  untermauert.

Noch schlimmer ist folgende Situation: Stellt euch vor, so ein dicker Mensch entschließt sich abzunehmen und tut alles dafür, was in seiner Macht steht. Stellt das eigene Leben auf den Kopf, ernährt sich gesund, beginnt Sport zu treiben. Anfangs verdammt schwer. Jeder Tag ein Kampf und es ist als ob man gegen Windmühlen ankämpft. Wer sieht sich selbst schon gern in engen Sportklamotten, keuchend und stark schwitzend? Ähm ja, niemand. Trotzdem macht man weiter und irgendwann tut man es gern. Man steigt aufs Rad, nimmt die Treppe, geht ins Fitnesstudio und es macht einem Spaß. Man sieht die Fortschritte, man ist stolz.

Stellt euch nun vor, Ihr seid grad auf eurer Abnehmreise, habt schon etliche Kilos hinter euch gelassen und tretet mittlerweile zu Wettkämpfen an. Nehmen wir doch mal das Thema Laufen (macht ja hier Sinn). Ihr lauft einen Wettkampf und plötzlich brüllt jemand von der Seite „Fette Sau“ oder etwas ähnlich Verletzendes zu euch herüber?

Das tut weh. Das ist unmenschlich. Das sollte es nicht geben. Trotzdem passiert es!

Was zum Teufel ist los mit diesen Menschen? Wie gemein muss man sein um jemanden so zu erniedrigen,während dieser alles gibt? Was treibt einen dazu sich als Zuschauer zu einem Wettkampf zu begeben und dann die niederzumachen, die einem nicht in den Kram passen oder dem Stereotyp des Athleten nicht entsprechen? Dieses Verhalten stimmt mich traurig und wütend. Es ist hart genug sich zu motivieren (gerade wenn man keinem Idealbild entspricht und/oder nicht so schnell oder ausdauernd wie andere Sportler ist). Die Bilder, die einem die Gesellschaft vermittelt, zeigen durchtrainierte Menschen, die knapp bekleidet und sehr anmutig ihren Sport ausüben. Schaut man an sich selbst herunter, ist das vielleicht nicht immer der Fall.

Ehrlich gesagt habe ich häufig Zweifel und fühle mich nicht immer wohl in meinen Laufklamotten. Es zwickt hier, die Hose sitzt dort nicht… Klar, eigentlich sollte es schnurzpiepegal sein, aber das ist es nicht immer. Manchmal habe ich sogar Angst, wenn ich mich in mein Laufdress geworfen habe. Angst davor, dass man mit dem Finger auf mich zeigt und mich auslacht. Angst davor, dass jemand meine Selbstzweifel laut ausspricht,  dass ich nicht kann, was ich so gerne tue. Dass ich mich nicht als Läuferin sehen sollte, weil nur diejenigen Läufer sind, die auch so aussehen, wie man sich Läufer eben vorstellt und schnell sind und ewig weit laufen können.

Natürlich ist das objektiv gesehen völliger Schwachsinn. Mir ist klar, dass ich Läuferin bin, eben weil ich laufe und nicht weil ich besonders schnell oder lang laufe oder was weiß ich. Mir ist genauso klar, dass ich nicht die Einzige auf der Welt bin, die sich mal nicht wohl in engen Laufklamotten fühlt. Trotzdem ist es nicht immer leicht dieses Wissen auch subjektiv anzuwenden.

Als dicker Mensch ist man es gewohnt, dass man manche Dinge nicht kann oder sich diese oftmals zumindest nicht zutraut. Man versteckt sich hinter seiner Speckschicht. Die eigenen – oftmals bereits verletzten – Gefühle kann man dort gut verstecken. In dem Moment, wo man anfängt sich zu verändern und sich etwas traut, was man vorher nicht für möglich gehalten hat, ändert sich das. Gefühlt kann einen nun jeder sehen, mit all den Makeln und Unperfektheiten. Diese sind an der Oberfläche und jederzeit greifbar.

Das macht mir immer noch Angst manchmal. Wenn mich früher jemand blöd angeschaut hat oder – was mir Gottseidank nur sehr wenige Male passierte – sogar blöd angemacht hat – dann hab ich das an der Speckschicht abprallen lassen (äußerlich zumindest). Ich kann schlecht in Worte fassen, wie das ging, denn verletzt war ich natürlich trotzdem, aber man versucht dies nie zu zeigen. In Retrospektive frage ich mich, ob es gut ist, es nicht zu zeigen. Vielleicht sollte man gerade dann zeigen, dass Worte verletzend sind und eben unter die Haut gehen. Dass auch ein leichtfertig daher gesagter Kommentar tiefe Wunden zu verursachen mag. Vielleicht würde das helfen um die Menschen für die Macht der Worte zu sensibilisieren. Ich konnte es damals nicht. Als Dicke war ich immer bestrebt bloß nicht aufzufallen und irgendwie in der Masse unterzutauchen. Dadurch verliert man sich selbst aber auch zu großen Stücken. Jetzt mit ~ 20 kg weniger auf den Rippen will ich mich aber nicht verstecken und ich will auch nicht in der Masse untergehen. Ich will das machen, wozu ich Lust habe, zum Beispiel Laufen. Was wenn dann jemand kommt und einen angreift?  Die Speckschicht ist weg, die Schokolade dient nicht mehr als Trost.

Man sollte zeigen, dass es wehtut und was Worte anrichten können! Manchmal ist der Schaden so groß, dass man sich davon nicht erholt. Ist es das wert?? Hilft es Euch, die ihr andere Menschen auslacht, sie verurteilt und meint Euch besser zu fühlen? Ich hoffe nicht, denn ich will nicht, dass Ihr euch besser fühlt.

Wenn man andere Menschen klein machen muss, damit man sich selbst besser fühlt, dann ist man für mich der absolute Bodensatz. Gerade, wenn man angreift, wenn sich jemand aus seiner Komfortzone herausbewegt, schutzlos ist, dann ist es unentschuldbar. Geht mal einen Tag in den Schuhen des Anderen. Haltet ein einziges Mal aus, was Euer Opfer aushalten musste. Lasst Euch ein einziges Mal so beschimpfen und seht dann wie es sich anfühlt. Ich kann Euch sagen: Es tut weh, es verletzt unglaublich und es macht  klein. Man fühlt sich verloren und im Inneren ist man auf einmal wieder an der Stelle, wo man mal angefangen hat und wo man nie wieder hinwollte. War das wirklich Euer Bestreben? Ich dachte genau das wollt Ihr gerade nicht sehen und haben. Die Dicken, die mögt Ihr ja nicht so.

Herzlichen Glückwunsch, Menschen, die auf einem guten Weg waren, werden diesen vielleicht verlassen, weil sie entmutigt sind und so verletzt, dass sie in alte Verhaltensmuster zurückfallen. Fasst Euch mal selbst an die Nase und kehrt vor der eigenen Haustür, bevor Ihr andere Menschen so behandelt. Ich bin so wütend, ich könnte noch tausend Seiten lang weiterschreiben. Im Grunde bringt das aber nichts, denn Ihr seid es nicht wert, dass ich auch noch ein einziges Wort über Euch schreibe.

Darum ein Appell an alle, die schon einmal Opfer von Bodyshaming wurden:

Ich weiß, es ist nicht leicht. Es tut weh, man möchte sich vergraben, die Tränen fließen. Das ist in Ordnung. Ihr wurdet verletzt, Ihr dürft weinen. Aber dann…dann heißt es diesen Idioten nicht Recht zu geben und die beste Version zu sein, die Ihr sein könnt. Für Euch! Denn den Weg hierher, den habt auch Ihr bestritten. Ihr seid großartig! Niemand kann Euch sagen, wie Ihr sein sollt, damit Ihr das machen könnt, was Ihr liebt. Tut was euch Spaß macht und lasst Euch den Spaß am Sport nicht von solchen Nullmenschen verderben!

Außerdem ist es die beste Retourkutsche diesen Idioten zu zeigen wo der Hammer hängt!

PS.: Der Anstoß meines Ausbruches war übrigens der folgende Artikel https://dierennschnecke.com/2016/08/09/der-etwas-andere-rennbericht/ – die supertolle Christina musste leider am eigenen Leib bei einem Wettkampf miterleben, wie ein paar Vollidioten sich absolut daneben benahmen! Sie hat das ganze im obigen Beitrag geschildert – großen Respekt!

You Might Also Like